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Presseinformation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom 02.07.2026

Ein Drittel der Abgewanderten nennt Bürokratie als Abwanderungsgrund

In der ersten Welle des International Mobility Panel of Migrants in Germany (IMPa) äußerten rund drei Prozent der Eingewanderten Pläne, Deutschland zu verlassen. Die Ergebnisse der Folgebefragung, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Donnerstag veröffentlichte, zeigen nun: 2,6 Prozent (hochgerechnet 260.000 Personen) der betrachteten Eingewanderten haben Deutschland bis zur zweiten Befragungswelle verlassen. Aufwändige bürokratische Prozesse waren dabei nach partnerschaftlichen und familiären Gründen der zweithäufigste Grund für den Wegzug.

Unter den aus Deutschland Ausgewanderten hatte fast jede zweite Person bereits in der ersten Befragung Abwanderungspläne geäußert, weitere 18 Prozent hatten über eine Abwanderung nur nachgedacht. Dagegen hatte ein Drittel bei der Erstbefragung hingegen weder Abwanderungsüberlegungen noch -pläne angegeben. Zugleich waren knapp zwei Drittel der Personen mit Abwanderungsplänen bis zur Folgebefragung weiterhin in Deutschland. Dies kann damit zusammenhängen, dass der Abstand zwischen den Befragungen für die Umsetzung von Plänen teilweise zu kurz war, dass sich Lebensumstände verändert haben oder dass Personen ihre Pläne wieder aufgegeben haben. „Nicht jede Abwanderung kündigt sich vorher an. Abwanderungspläne sind aber ein starkes Signal dafür, wer Deutschland später tatsächlich verlässt“, erklärt Yuliya Kosyakova, Leiterin des IAB-Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“. „Angesichts sinkender Zuzüge und weitgehend gleichbleibender Fortzüge wird es arbeitsmarktpolitisch wichtiger, frühzeitig zu erkennen, wer über Abwanderung nachdenkt – um Bleibeperspektiven gezielt zu stärken."

Auch unter den in Deutschland verbliebenen Eingewanderten bleiben Abwanderungsabsichten relevant. Drei Prozent äußerten in der zweiten Befragungswelle Pläne, Deutschland in den nächsten zwölf Monaten zu verlassen, weitere 30 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten über eine Ausreise nachgedacht. Damit bleibt ein Teil der in Deutschland lebenden Eingewanderten weiterhin mobilitätsorientiert.

Bürokratie ist zweithäufigster genannter Abwanderungsgrund

32 Prozent der Ausgewanderten nennen aufwändige bürokratische Prozesse als Grund für ihren Wegzug aus Deutschland. Hinter dieser Bürokratiekritik können konkrete Erfahrungen stehen: Besonders häufig bewerten Eingewanderte nicht ausreichend beantwortete Rückfragen, Verfahrensdauern und -gebühren sowie unklare Abläufe bei bürokratischen Prozessen als negativ. Vor allem jüngere Eingewanderte bewerten solche Verfahren häufiger kritisch. „Wenn administrative Verfahren als langwierig, unverständlich oder schwer zugänglich erlebt werden, kann dies Bleibeperspektiven belasten“, so  IAB-Forscherin Julia Reinold.

40 Prozent wanderten in ein anderes Land weiter

 Unter den Weitergewanderten zog der größte Anteil nach Spanien, gefolgt von der Schweiz sowie Italien und Kroatien. 60 Prozent der Ausgewanderten kehrten in ihr Herkunftsland zurück. Viele Rückgewanderte stammen aus Mittel- und Osteuropa sowie aus sonstigen Nicht-EU-Ländern und kehrten entsprechend in diese Regionen zurück.

Im Vergleich zu Verbliebenen waren Ausgewanderte im Durchschnitt jünger, lebten deutlich kürzer in Deutschland, hatten häufiger Familie im Ausland und verfügten seltener über (sehr) gute Deutschkenntnisse, aber häufiger über (sehr) gute Englischkenntnisse. Ihre Bruttostundenlöhne lagen niedriger als die der Verbliebenen. Innerhalb der Gruppe der Ausgewanderten zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede: Personen mit früheren Abwanderungsplänen sind häufiger hochgebildet, verfügen häufiger über (sehr) gute Englischkenntnisse, haben häufiger eine deutsche oder EU-Staatsangehörigkeit beziehungsweise eine Niederlassungserlaubnis und erzielten höhere Bruttostundenlöhne als Ausgewanderte ohne frühere Pläne. „Abwanderungspläne sind nicht einfach mit schwacher Integration gleichzusetzen. Sie treten auch bei ressourcenstärkeren und erwerbstätigen Personen auf, die über internationale Mobilitätsoptionen verfügen“, erläutert IAB-Forscherin Theresa Koch.

Viele Ausgewanderte sahen Unterstützungsbedarf bei Arbeit und Karriere

50 Prozent der Ausgewanderten geben rückblickend an, während ihres Deutschlandaufenthalts Unterstützungsbedarf im Bereich Arbeit und Karriere gehabt zu haben. Unter den Ausgewanderten mit Unterstützungsbedarf hätten sich 56 Prozent Unterstützung von der Bundesagentur für Arbeit beziehungsweise dem Jobcenter gewünscht, 44 Prozent von Städten, Gemeinden oder kommunalen Beratungsstellen und 43 Prozent vom Arbeitgeber. Die Befunde verweisen auf konkrete Ansatzpunkte: Ausgewanderte bewerten die Arbeitsmarktchancen ausländischer Personen kritischer als Verbliebene und stimmen häufiger voll zu, dass Ausländerinnen und Ausländer schlechtere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben.

Die Abwanderung führt jedoch nicht zwangsläufig zu einem vollständigen Verlust der Verbundenheit mit Deutschland. 53 Prozent der Ausgewanderten wären rückblickend gerne länger oder dauerhaft in Deutschland geblieben; 57 Prozent haben darüber nachgedacht, künftig wieder nach Deutschland zu ziehen. „Fachkräftesicherung sollte nicht nur aus der Perspektive der Zuwanderung gedacht werden, sondern auch aus der Perspektive von Verbleib, Abwanderung und möglicher Wiederzuwanderung“, schlussfolgert IAB-Forscherin Laura Goßner.

Datengrundlage

Die Studie basiert auf Daten des International Mobility Panel of Migrants in Germany (IMPa). IMPa ist eine repräsentative Längsschnittbefragung von Eingewanderten in Deutschland. Die erste Befragungswelle fand von Dezember 2024 bis April 2025 statt, die Wiederbefragung von November 2025 bis Februar 2026. Dadurch lassen sich Abwanderungsüberlegungen und -pläne aus Welle 1 mit tatsächlicher Rück- und Weiterwanderung bis Welle 2 verknüpfen. An der Welle 2 nahmen 43 Prozent der Welle-1-Befragten erneut teil. Mithilfe statistischer Hochrechnungsverfahren sind repräsentative Aussagen über die Zielpopulation möglich. Insgesamt ergibt sich daraus ein Datensatz mit über 15.000 Befragten.

Die Studie ist abrufbar unter: https://doku.iab.de/kurzber/2026/kb2026-10.pdf. Eine vertiefende Analyse zu den Bewertungen administrativer Verfahren finden Sie im IAB-Forum: https://iab-forum.de/wenn-buerokratie-zur-huerde-wird-wie-eingewanderte-die-administrativen-verfahren-in-deutschland-bewerten/.