Three Essays on Contemporaneous Challenges in the Labor Market
Beschreibung
"Diese Dissertation umfasst drei empirische Aufsätze, die sich mit zwei zentralen Herausforderungen moderner Arbeitsmärkte befassen: technologischem Wandel und Arbeitsmarktregulierungen, deren wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen und inwiefern dadurch bestehende Ungleichheiten verstärkt oder abgemildert werden. Der erste Aufsatz untersucht, wie Pflegefachkräftemangel in Krankenhäusern die Versorgung und Gesundheit von Patient:innen beeinflusst. Obwohl die zentrale Rolle von Pflegefachkräften für die stationäre Versorgung gut dokumentiert ist (Griffiths et al., 2023, Zaranko et al., 2023), ist über die konkreten Folgen eines Mangels an Pflegepersonal wenig bekannt - hauptsächlich aus zwei Gründen: Erstens erschweren sich ständig verändernde Marktbedingungen eine Quantifizierung von Arbeitskräftemangel. Zweitens beeinflussen sich die Versorgungsqualität und der Personalmangel gegenseitig (Lin, 2014). Ich adressiere beide Herausforderungen, indem ich die Kopplung des Schweizer Frankens an den Euro im Jahr 2011 ausnutze, die grenzüberschreitendes Pendeln für deutsche examinierte Krankenpflegefachkräfte attraktiver machte. Gleichzeitig verhinderten starre Vorgaben im deutschen Gesundheitssektor eine flexible Reaktion der Kliniken. Konkret vergleiche ich deutsche Grenzkrankenhäuser - die Personalverluste aufgrund ihrer geografischen Lage verzeichneten mit ähnlichen, weiter im Landesinneren gelegene Kliniken. Auf Basis umfangreicher administrativer Patient:innen- und Klinikdaten wende ich dabei einen ’matched multi-period difference-in-differences’-Ansatz an. Die Ergebnisse bestätigen die theoretische Vorhersage von Michaillat and Saez (2015), die auf dem allgemeinen Ungleichgewichtsmodell von Barro and Grossman (1971) basiert: Arbeitskräftemangel führt unter Preisregulierung zu einem Engpass auf dem Produktmarkt - in diesem Fall zu einer Verringerung des Angebots an Gesundheitsleistungen. Zwar versuchen Krankenhäuser, die Versorgung vorrangig auf dringliche Fälle zu konzentrieren („Triage“), doch auch ältere und Notfallpatient:innen erfahren Versorgungsrückgänge. In der Folge steigen die Sterblichkeitsraten und die Lebenserwartung sinkt - was die Bedeutung von Pflegefachkräften in Krankenhäusern zeigt (Friedrich and Hackmann, 2021, Propper and Van Reenen, 2010). Im zweiten Aufsatz untersuchen Sebastian Findeisen, Wolfgang Dauth und ich, ob Arbeitnehmervertretungen dazu beitragen, die Interessen von Unternehmen und Beschäftigten in Zeiten technologischen Wandels besser in Einklang zu bringen. Wir bauen auf einer Literatur auf, die zeigt, dass Betriebsräte durch gesetzlich verankerte Rechte die Arbeitsplatzsicherheit erhöhen (Jäger et al., 2022) - und das ins besondere bei zunehmender Automatisierung, da sie Unternehmen zwingen, negative Beschäftigungs- und Lohneffekte für die Belegschaft in den Entscheidungsprozess zu internalisieren (Acemoglu and Lensman, 2023, Beraja and Zorzi, 2024). Mithilfe eines ’matched multi-period difference-in-differences’-Ansatzes und Angaben zur erstmaligen Installation von Robotern aus einer deutschen Betriebsbefragung in Kombination mit administrativen Daten zeigen wir, dass Betriebsräte im Zuge der Automatisierung die Weiterbeschäftigungschancen erhöhen, ältere Arbeitnehmer:innen vor Nichtbeschäftigung schützen und Lohnkürzungen bei Arbeitnehmer:innen mit routineintensiven Tätigkeitsprofilen verhindern. Darüber hinaus zeigt der Vergleich zwischen Betrieben, dass Firmen mit Betriebsrat bei der Einführung von Robotern nicht stärker automatisieren, sondern sie mit mehr Weiterbildung kombinieren und in der Folge höhere Produktivitätsgewinne erzielen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Arbeitnehmervertretungen nicht nur die Belegschaft schützen, sondern auch die Leistungsfähigkeit von Unternehmen in Zeiten technologischen Wandels verbessern können. Im dritten Aufsatz erweitern wir die Perspektive der ökonomischen Literatur, in dem wir fragen, ob technologischer Wandel nicht nur ökonomische (Bárány and Siegel, 2020, Graetz and Michaels, 2018, Autor and Dorn, 2013), sondern auch gesundheitliche Folgen mit sich bringt. Hierfür verwenden wir eine neue deutsche Beschäftigtenbefragung, die mit einer Betriebsbefragung und administrativen Daten verknüpft ist. Damit können wir statistisch ähnliche Personen, die sich jedoch hinsichtlich des Digitalisierungsgrads ihres Arbeitsplatzes unterscheiden, mithilfe eines ’first-differences’-Ansatzes miteinander vergleichen. Das ermöglicht es uns, die direkten gesundheitlichen Effekte einer zunehmenden Arbeitsplatzdigitalisierung von damit verbundenen indirekten Effekten, bspw. ausgelöst durch sich verändernde wirtschaftliche Rahmenbedingungen, zu trennen (Abeliansky et al., 2024, Case and Deaton, 2021, Pierce and Schott, 2020, Sullivan and Wachter, 2009). Unsere Ergebnisse zeigen, dass der zunehmende Einsatz moderner digitaler Technologien zwischen 2011 und 2019 die Tätigkeiten der Beschäftigten komplexer macht und den Termin und Leistungsdruck erhöht. Im Einklang mit psychologischen Theorien zu „Technostress“ (Tarafdar et al., 2015, Bakker and Demerouti, 2007) stellen wir fest, dass sich diese digitale Komplexität negativ auf die subjektive Gesundheit auswirkt und zu mehr Krankheitstagen führt - insbesondere bei geringqualifizierten Beschäftigten mit vorwiegend manuellen, nicht-kognitiven Aufgabenprofilen. Da wir keine Hinweise auf wirtschaftliche Kompensation finden, schließen wir, dass die Digitalisierung eine neue Dimension der Ungleichheit schafft, indem sie die gesundheitlichen Unterschiede zwischen Qualifikations- und Bildungsgruppen vergrößert (Currie, 2009, Meara et al., 2008)." (Autorenreferat, IAB-Doku)
Zitationshinweis
Schlenker, Oliver (2025): Three Essays on Contemporaneous Challenges in the Labor Market. Konstanz, 176 S.
